Im Lotto gewonnen!?

Wer unsere Facebook-Seite schon länger und aufmerksam verfolgt, wird sich vielleicht schon mal die obige Frage gestellt haben. Dieser Gedanke kann einem ja kommen, wenn er unseren relativ neuen und sehr modernen Fuhrpark so sieht. Dem ist aber mitnichten so und hat eine längere Vorgeschichte:

Als wir uns 2008 dazu entschlossen haben, die Biogasanlage gemeinsam mit den Stadtwerken zu bauen, habe ich mir Gedanken gemacht, wie wir uns dann arbeitswirtschaftlich aufstellen. Schließlich hatten wir zu dem Zeitpunkt 140 Muttersauen mit 900 Jungsauenaufzuchtplätzen, die allein mehr als eine Arbeitskraft (AK) gebunden hatten. Dazu sollte dann die Biogasanlage mit damals 400kW elektrisch (pro Stunde) kommen, für die ich auch mindestens eine halbe AK angesetzt hatte. Die damaligen 120 ha Ackerbau binden dann auch nochmals eine halbe AK, so dass wir mit der damaligen Arbeitskraft-Ausstattung gerade so klar gekommen wären, wenn keiner ausfällt und alle gesund sind.

Nun bin ich einer, der gerne etwas „Luft“ hat, was Arbeitszeit angeht und damit auch Zeit, um über andere Dinge nachzudenken. Das fehlt vielen, die einfach in ihrem alltäglichen Hamsterrädchen gefangen sind. So etwas wollte ich nie, zumal ich schon immer auch in verschiedenen Ehrenämtern aktiv war.

Und ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich langfristig die Substratversorgung für die Biogasanlage auf sichere Beine stellen kann, auch bei Wachstumsschritten an der Biogasanlage. Darum war mein Anliegen, auf der einen Seite Arbeitszeit freizusetzen. Dies war theoretisch am sinnvollsten im Ackerbau, weil meine Arbeitszeit und mein Know how am besten im Stall und in der Biogasanlage eingesetzt werden sollte, weil sie dort am besten verwertet wird, sprich: den höchsten Stundenlohn bringt. In unserer Region sind Lohnunternehmer, die den kompletten Ackerbau übernehmen, de facto nicht vorhanden. Darum waren dann die Alternativen, Teilbereiche an Lohnunternehmer zu vergeben oder den Ackerbau in Kooperation mit anderen Landwirten zu machen.

Da ich ja auch zusätzliche Substratversorgung für die Biogasanlage wollte, habe ich den zweiten Schritt der Kooperation gewählt. In der Region gab es 2 Kooperationen, wovon eine aufgrund der räumlichen Entfernung nicht in Frage kam und ich die Teilnehmer der anderen Kooperation schon kannte, da ich beim Gründungsprozess der Kooperation schon dabei war, ich mich aber zu Beginn noch nicht in der Lage sah, dort mitzumachen, weil die Gründungsphase in die Phase der Planung und Realisierung der Biogasanlage fiel. Nachdem die Biogasanlage Ende 2009 dann fertig gebaut war, haben wir uns aber wieder zusammen gesetzt und waren uns dann auch irgendwann einig, dass wir den Weg gemeinsam gehen wollen.

Mit dem Eintritt in die Kooperation gingen einige Maschinen dort als Kapitaleinlage ein, einen Teil haben wir auch verkauft, was nicht benötigt wurde. Zu dieser Zeit konnten wir das Kapital im Betrieb ganz gut gebrauchen, um die Löcher, die durch den eingebrochenen Jungsauenabsatz ab 2006 aufgetreten sind, zu stopfen. Das wäre aber ein separates Kapitel.

Diese Kooperation war also keine klassische Maschinengemeinschaft, sondern eine Vollkooperation, in der alle Kosten auch bezahlt werden müssen, auch die Abschreibungen. Dies hatte einen hohen Liquiditätsbedarf zur Folge, dafür musste ich mir keine Gedanken mehr über Maschinenkäufe machen. Auch die Einteilung der Arbeiten im Ackerbau war nicht mehr meine Aufgabe und eigentlich wäre ich genau so entlastet gewesen, wie ich mir das vorgestellt habe.

Eigentlich!

Die freigesetzte Zeit habe ich tatsächlich genutzt, um nach 14 Jahren im Betrieb und starkem Wachstum mit guten und schlechten Zeiten einmal raus zu kommen und Zeit zum Nachdenken über mich, meine Familie und den Betrieb zu bekommen. Die DLG-Akademie bot damals einen sogenannten Business-Course an. Das waren über ein Jahr verteilt 3×3 Tage mit 11 tollen Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland. Ich war da der kleine aus dem Süden (nicht nur körperlich), aber das war vollkommen egal! Die Inhalte des Kurses waren super, aber für mich der eigentliche Knackpunkt war die Zeit, um über alles nachzudenken. Und das war extrem schmerzhaft:

Die Erkenntnis!

Feststellen zu müssen, dass meine eigentliche Passion der Ackerbau ist (inkl. Biogasanlage) und die Schweine eigentlich nie meine Leidenschaft waren, war extrem hart für mich. Das war vielleicht auch der Grund, warum wir wirtschaftlich mit den Schweinen nach 2006 nicht mehr auf die Beine kamen. Das soll im Umkehrschluss aber nicht heißen, dass wir uns nicht richtig um die Tiere gekümmert haben. Im Gegenteil: vielleicht habe ich viele Dinge im Stall anders gesehen als die meisten und ich habe mir immer die Frage gestellt: Machen wir es den Tieren wirklich so gerecht wie möglich? Diese Frage musste ich für mich mit der Umstellung des letzten Stalls auf strohlose Haltung immer öfter mit „Nein“ beantworten, weil wir von da an massive Probleme im Stall mit Kannibalismus und schlechten Fundamenten (dem Beinwerk) hatten.

Heute weiß ich, dass es nur in zweiter Linie am Haltungsverfahren lag. Die Genetik wurde vom Zuchtverband umgestellt und durch die restriktive Fütterung der Jungsauen hatten die Tiere immer ein Hungergefühl, was sie sehr gestresst hat (die neue Genetik hatte ein sehr viel höheres Futteraufnahmevermögen, wollte also immer fressen). Wenn wir mehr gefüttert haben, so waren die Zunahmen zu hoch für Zuchttiere und sie mussten zum Schlachten. Krankes System. Aber ich will da jetzt auch nicht mehr lamentieren. Ich habe alle Entscheidungen selbst getroffen, auch wenn uns vieles nahe gelegt wurde. Ich hätte auch meine in der Schublade liegenden Pläne umsetzen können, dann hätten wir heute einen super tiergerechten Stall. Ich habe mich aber nicht getraut, also muss ich mit den Konsequenzen leben.

Aber was hatte es für den Ackerbau und die Kooperation für Folgen? Ich wollte wieder mehr an den Entscheidungen dort teilhaben, schließlich hatte ich über 1/3 und damit den größten Teil der Fläche. Ich hatte dies ja bewusst 2010 abgegeben, um mich um die beiden anderen Bereiche kümmern zu können.

Dieser Prozess gestaltete sich schwierig, weil ja jetzt einer mehr mitsprechen wollte im Tagesgeschäft. Grundlegende Entscheidungen wurden sowieso immer gemeinsam getroffen. In der Konsequenz gab es immer dann immer öfter Dissonanzen, die das gegenseitige Vertrauen belastet haben. Es ist was dran, wenn es heißt: „Zu viele Köche verderben den Brei!“

Im Winter 2013/2014 kam unser heutiger festangestellter Mitarbeiter Kolja auf mich zu, ob er nicht bei uns ab und zu aushelfen und Schlepper fahren könnte. Wir haben uns dann auf einen 450€-Job geeinigt ab Februar 2014. Er hat von Anfang an Spass gehabt und ich habe gemerkt, dass er ein Händchen für Maschinen und vor allem deren Einstellung auf dem Feld hat sowie auch schon ackerbauliche Zusammenhänge. Das war für mich kaum vorstellbar, dass jemand in dem Alter, der nicht aus der Landwirtschaft kommt, so schnell sich in alles hineindenken kann. Wenn ich so eine(n) Mitarbeiter(in) suchen müsste, würde ich ihn nicht finden. Er war zu der Zeit noch in der Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker. Er hat mich dann im Frühsommer 2014 gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, ihn nach seiner Ausbildung ab März 2015  fest anzustellen. Er wollte nicht auf Dauer nur „Schrauber“ sein.

Die Chance! 

Als grundsätzlich positiv denkender Mensch sehe ich da erst Mal die Chancen für mich: viele Reparaturen an der Biogasanlage können wir dann selber erledigen. Ich alleine, als Studierter, tue mich da einfach schwer, also wurde fast immer alles an Fremdfirmen vergeben, was auch ordentlich Geld kostet. Und vor allem die Chance, so einen Mitarbeiter zu bekommen, darf man sich einfach nicht entgehen lassen. Das war uns allen in der Familie klar, auch wenn eine Vollzeit-AK uns richtig Geld kosten wird!

Damit einhergehend war aber für uns als Familie klar, dass wir den Ackerbau wieder selbst erledigen wollen, und so habe ich Ende Juni 2014 die Teilhabe an der Kooperation zum 30.6.2015 gekündigt. Das war natürlich für alle Gesellschafter eine schwierige Situation, weil es auch für alle Auswirkungen haben wird. Aber ich denke, dass wir es geschafft haben, dass sich auch heute noch alle in die Augen schauen und wir miteinander reden können. Das ist nicht immer der Fall, wenn Kooperationen auseinander gehen.

Da die eingebrachten Maschinen als Kapital umgerechnet wurden, konnte ich diese nicht einfach zurück nehmen, weil die Restgesellschaft ja die Chance zum Überleben haben muss. So wird das eingelegte Kapital über einen längeren Zeitraum zurück bezahlt. Es war aber in unserem Fall eine überschaubare Summe.

Der Neustart:

Ergo: Wir mussten zum 1.7.15 spätestens einen neuen Fuhrpark haben! Bei den heutigen Maschinenkosten war es wichtig, dass wir den so schlank wie möglich halten. Da wir in der Kooperation alle Kosten praktisch auch bezahlt haben, schafften wir es in der Zeit auch nicht, ausreichend Kapital zurück zu legen, um dann die neue Technik einfach so anschaffen zu können. Die niedrigen Zinsen haben uns nun geholfen, dass wir zu vertretbaren Kosten eine mittlerweile fast komplette Eigenmechanisierung haben.

Güllefass und den großen Schlepper haben wir zunächst über den Maschinenring gemietet, um auch sehen zu können, wie hoch die Auslastung der Technik überhaupt ist und ob sich eine Eigenmechanisierung dann auch lohnt. Beim Güllefass ist es bis heute nicht so, dafür konnten wir erreichen, dass ein Fass bei uns auf dem Hof stationiert ist, auf das wir auch vorrangig Zugriff haben. Da ist unser Maschinenring echt super flexibel zum Wohl seiner Mitglieder! Wir haben ja auch ein paar Kubikmeter zu fahren im Jahr… 😉

Nach 2 Jahren Miete des großen Schleppers und mittlerweile 240 ha bewirtschafteter Ackerfläche (inkl. Lohnbewirtschaftung) liegen wir auch bei dem großen Schlepper über der wirtschaftlichen jährlichen Nutzungsdauer, so dass wir nun doch gekauft haben. Und als Deutz-Fahrer seit Beginn der Mechanisierung auf dem Hof haben wir uns jetzt auch wieder für einen Deutz entschieden. Jeder, der etwas anderes hineininterpretieren möchte, liegt definitiv falsch! Alle anderen Anbieter haben auch gute Traktoren und gute Werkstätten, ebenso lagen sehr gute Angebote vor und die Zuständigen haben sich wirklich alle Mühe gegeben. Aber die Fa. Roth ist schon Jahrzehnte unser Partner, und wir wissen beide, was wir aneinander haben.

Es war also nicht eine Entscheidungen GEGEN eine bestimmte Marke oder Firma, sondern eine bewusste Entscheidung FÜR die Firmen Roth und Deutz, die wir uns aber trotzdem nicht einfach gemacht haben!

Ergo:

Nun wisst Ihr also, warum das alles neu ist! Es war kein Vergnügen, und die finanzielle Belastung ist weiterhin hoch durch die vielen neuen Maschinen in kurzer Zeit. Aber das Gefühl, freier Bauer (was eher relativ ist) auf der eigenen Fläche mit der vollen Verantwortung für das zu sein, was man tagaus tagein auf dem Feld tut, ist unglaublich gut. Auch das zu tun, was einem Spass macht, gibt eine ganz neue Motivation. Trotz allem müssen wir am Ende des Jahres auch damit Geld verdienen. Aber ich bin überzeugt, dass ich eher mit meiner Passion Geld verdienen werde als mit einer Last. Das ist für mich sicher!

Das möchte ich auch nach meinen Erfahrungen in den fast 20 Jahren auf dem Hof an die jungen Landwirte gerne weitergeben: Macht Euch erst Gedanken, was Ihr gerne tut, bevor Ihr in den Betrieb einsteigt und investiert. Nehmt Euch nach dem Studium noch etwas Zeit, um darüber nachzudenken. Es lohnt sich! Lehrgeld ist teuer! Hirnschmalz kostet (fast) nichts!

Euer Michael Reber

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