Glyphosat – in aller Munde?!

Ehrlich gesagt: ich kann es nicht mehr hören! Jeden Tag eine neue Studie, eine neue Untersuchung, die belegen sollen, dass Glyphosat hoch gefährlich ist. Was ist der Grund?

Ganz einfach: Morgen, Montag 7.3.16, steht wohl die endgültige Abstimmung über die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat als Pflanzenschutzmittel für weitere 15 Jahre an. Und weil für die Grünen und die NGO´s Glyphosat der Inbegriff des Bösen ist, weil es von Monsanto vor Jahrzehnten auf den Markt gebracht wurde und Monsanto wiederum das Synonym für Abhängigkeit der Landwirtschaft von der Industrie in deren Augen ist, muss man mit allem Möglichen dagegen kämpfen. Leider kann man hier aktuell den Wahrheitsgehalt und die statistische Absicherbarkeit dieser „Studien“ als sehr gering einstufen. Institutionen wie das Bundesamt für Risikobewertung (BfR), die einmal von der grünen Landwirtschaftsministerin Künast ins Leben gerufen wurden, um als neutrale Stelle unter anderem die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln zu bewerten, werden heute eben von den Grünen dafür gerügt, dass sie deren Studien ins rechte Licht rücken und eben neutral bewerten.

Ich wollte mich aus der ganzen Diskussion heraus halten. Aber heute hat mich ein Freund darauf angesprochen, was wir als Landwirtschaft denn als Argumente für die weitere Zulassung hätten bzw. was die Alternativen wären, wenn es verboten werden würde. Den Ansatz vermisse auch ich in der ganzen Diskussion. Wir Landwirte schiessen wieder nur dagegen, mit der selben Härte, aber mit wenig Argumenten. Alles ist gut, so wie es ist. Ist es das denn? Ein Versuch der Erläuterung:

Vor 30 Jahren (so lange kann ich mich an den Pflanzenschutz im Betrieb erinnern) wurde RoundUp (Produktname für den Wirkstoff Glyphosat von Monsanto, das damals noch das Patent auf den Wirkstoff hatte) nur genommen, wenn man massive Probleme mit Wurzelunkräutern wie z.B. der Quecke hatte. Da hat man nach der Getreideernte, wenn die Quecke wieder grün wurde, mit 4-5 Litern pro Hektar der Quecke den Gar aus gemacht. Aber eben nur, wenn es ein Problem mit Quecke oder ähnlichem gab. Als in den 1980er Jahren mit dem Abschmelzen garantierter Interventionspreise die Wirtschaftlichkeit im Ackerbau sich dramatisch verschlechterte, kam auf vielen Betrieben das energieintensive (=hoher Dieselverbrauch) Verfahren Pflügen auf den Prüfstand.

Mit dem Aufkommen der sogenannten Konservierenden Bodenbearbeitung, also dem Verzicht auf jährliches Pflügen durch den Einsatz von Grubbern, die den Boden nur noch mischen, nicht mehr umdrehen wie der Pflug, stiegen zum einen die Probleme mit Unkräutern wie Quecke, zum andern wurde zum Beispiel Ausfallgetreide und Ungräser bzw. Unkräuter nicht mehr einfach durch den Pflug vergraben, sondern es blieben immer Reste an der Bodenoberfläche, die weiter wuchsen und die Folgekultur dann belasteten. Mit dem Fall des Monopols auf den Wirkstoff Glyphosat kamen andere Hersteller auf den Markt und der Preis für den Wirkstoff sank drastisch. Somit konnte man mit einer Glyphosat-Spritzung von 1,5-2 Litern pro Hektar vor der neuen Aussaat einen teuren Arbeitsgang mit Maschinen ersetzen und sparte damit Kosten. Außerdem hat die konservierende Bodenbearbeitung den großen Vorteil, dass durch den Verbleib von organischen Reststoffen (Stoppeln, gehäckseltes Stroh) ein sehr guter Erosionsschutz auf der Bodenoberfläche verbleibt, der auch den Regenwürmern als Nahrungsquelle dient, die damit Humusaufbau betreiben. Für die Regenwürmer muss das organische Material aber auf der Bodenoberfläche liegen, nicht eingearbeitet werden!  Dies ist also ein erster Grund, warum die Zulassung für Glyphosat verlängert werden sollte: Erosionsschutz = Bodenschutz.

Wie es aber so ist, hat das nicht nur Vorteile. Wir selbst haben das obige Verfahren bis vor 2 Jahren so eingesetzt und haben immer weiter experimentiert mit dem Termin der Ausbringung. Das extremste, was ich mal gemacht habe, war 6 Tage nach der Saat, kurz bevor das Getreide auflief. Super Effekt: sogar die erste Welle Unkraut war gleich mit weg. Das Problem zeigte sich dann aber später: durch hohe Niederschläge wurde der Wirkstoff in den Wurzelbereich gewaschen. Das Getreide hat sehr stark darauf reagiert und den ganzen Herbst herumgedümpelt. Erst im Frühjahr verwuchs sich das dann. Das Getreide war aber sehr krankheitsanfällig. Ich hatte es also übertrieben. Es war allerdings auch so nicht zugelassen (das war auch schon vor 20 Jahren!). Also blieben wir bei der zulassungskonformen Anwendung bis max. 5 Tage vor der Saat. Das war so verträglich.

Weitere Zulassung hat Glyphosat im Bereich der Sikkation. So nennt man eine Vorernte-Behandlung. Gedanke der Zulassung war, dass Bestände, die durch zuviel Unkraut nicht beerntbar waren, mit einer Glyphosat-Behandlung mit mindestens 14 Tagen Abstand zur Ernte wenigstens erntbar wurden. Auch hier wurde mit der Zeit das System extrem überstrapaziert, indem man das ganze Verfahren systematisch zur Erntesteuerung verwendet hat. Große Beratungsunternehmen empfahlen das insbesondere Großbetrieben, um die Mähdrescher vernünftig auszulasten. Im Rahmen der Zulassung von Glyphosat war das wohl möglich. Im Ernst: ich konnte so etwas noch nie verstehen! Und das muss in meinen Augen zukünftig auch verboten werden, wenn wir den Wirkstoff nicht verlieren wollen. Das ursprüngliche Ziel, verunkrautete Bestände beerntbar zu machen, sollte aber nach wir vor vorhanden sein!

Mit dem Aufkommen herbizidresistenter (weil gentechnisch veränderter) Pflanzen stieg in Nord- und Südamerika der Glyphosateinsatz exorbitant. Pflanzenbauliche Grundsätze wurden von vielen Landwirten über den Haufen geworfen und sie bauten nur noch resistenten Mais und resistente Sojabohne im Wechsel an. Immer derselbe Wirkstoff, Jahr für Jahr. Da muss man nicht viel in der Birne haben, um zu erkennen, dass es irgendwann dann auch resistente Unkräuter geben wird! So ist es jetzt auch gekommen. Gier frisst Hirn – ein dazu passender Spruch. Betriebswirtschaftlicher Vorteil zu Beginn lässt pflanzenbauliche Grundsätze (weil im ersten Schritt betriebswirtschaftlich nachteilig) vergessen. Selber schuld. Und wir hier in Europa sollen dafür die Zeche zahlen? Danke!!!

Das weitaus größte Problem habe ich mit der Anwendung von Glyphosat im Haus- und Gartenbereich. Das wurde jetzt auch schon verboten bzw. die Abgabe an nicht sachkundige Personen. So ist das auch richtig! Wie oben erwähnt: wir haben mit 1,5-2 Litern pro Hektar den Acker unkrautfrei bekommen. Im Gartenbereich wurden Wege, Garageneinfahrten usw. mit dem zig-fachen der Menge gespritzt. Beim nächsten Regen wurde das Mittel dann von den befestigten Wegen in den Gully gewaschen und war so sofort in der Kanalisation! Auf dem Feld wird das Mittel im Normalfall vom Bodenleben abgebaut und kommt so gar nicht ins Grundwasser.

Ich bin der Meinung, dass wir die Verlängerung jetzt für die Landwirtschaft brauchen, um in den nächsten 15 Jahren Alternativen zu finden, die hoffentlich auch über vernünftigen Ackerbau wieder dazu führen, dass wir es gar nicht mehr brauchen! Dazu müssen dringend mehr Mittel für Forschung im Ackerbau zur Verfügung gestellt werden. Wer forscht denn noch wirklich außer der Industrie? Ich möchte das hier auch nicht verdammen, dass die Industrie das macht. Ohne sie wären wir heute nicht so produktiv. Aber es braucht eben auch noch staatliche Forschung. Hierbei ist die Weiterentwicklung von Ackerbausystemen ist in meinen Augen hier sehr wichtig.

Was machen wir selbst? Wie schon hier zu lesen war, habe ich einen Bodenkurs bei Friedrich Wenz und Dietmar Näser besucht und bin guter Hoffnung, hier die nächste Stufe hin zu einem zukunftsfähigen Ackerbau mit weniger Einsatz von Mineraldünger und Pflanzenschutzmitteln zünden zu können! Insbesondere wollen wir hier Humusaufbau betreiben, ohne nicht selektive Herbizide (so nennt man Glyphosat im Fachjargon) einsetzen zu müssen. Ich sehe mich hier auch ein Stück weit als Pionier. Sollte es funktionieren (wovon ich 100%ig überzeugt bin), so wird sich das weiter verbreiten. Auch haben wir im vergangenen Herbst nach 30 Jahren wieder einen Pflug gekauft. Wer hätte das gedacht! Aber wir wollen den Pflug nicht wie üblich mit einer Arbeitstiefe von 20+x cm einsetzen, sondern mit unserem Pflug kann man sehr flach arbeiten, so dass wir einfach den Boden sehr flach wenden können, ohne das komplette Bodenleben zu zerstören. Das passiert nämlich, wenn man den Boden auf 20+x cm Tiefe umdreht. Das ist ein massiver Eingriff. Mit der flachen Wendung bleibt die biologisch aktive Schicht an der Oberfläche und ich habe trotzdem eine saubere Bodenoberfläche mit weniger Erosionsgefahr.

Nun bin ich auf Eure Reaktionen gespannt!

5 Kommentare, sei der nächste!

    1. Schniefend und tränendes Auges teile ich Ihnen mit, dass ich dies als Bauernhausbewohnerin neben einer soeben binnen weniger Tage per Spritze von allen Gräsern und Kräutern befreiten ehemaligen Kuhweide schreibe, die in Zukunft ein einträgliches Maisfeld sein wird
      Es grüßt Ihr Triefauge

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