Chance verpasst!?

In dieser Woche findet die Agritechnica in Hannover statt.

Es ist die weltgrößte Agrartechnik-Messe! Selbst für den Messestandort und die Stadt Hannover ist die Agritechnica alle 2 Jahre DAS Highlight, weil in dieser Woche die Stadt und auch die Umgebung komplett ausgebucht ist und auch die Restaurants richtig ausgelastet sind, wie meine Frau und ich selbst feststellen mussten. Aber auch das wird in der Stadt sehr positiv wahr genommen.

Am ersten Exklusivtag Sonntag war die Messe trotz stattlicher Eintrittspreise auch von vielen Nicht-Landwirten und vor allem vielen Kindern (weil sie bis 13 Jahre umsonst rein dürfen) besucht. Landtechnik fasziniert und besitzt eine sehr positive Anziehungskraft für viele Verbraucher, vor allem natürlich die männlichen!

Warum also Chance verpasst?

In meinen Augen aus folgenden Gründen:

  • Diese Anziehungskraft auch für Nicht-Landwirte wurde in meinen Augen nahezu komplett ausgeblendet. Es wäre eine Riesenchance gewesen, Landwirtschaft hier positiv darzustellen, eben weil die Technik so fasziniert. Nicht nur die großen Maschinen, sondern auch die neuen Entwicklungen im Bereich Sensorik und Elektronik, die für die Landwirtschaft immer wichtiger werden, um umweltschonender zu wirtschaften. Es gibt eine von der Industrie mit sehr viel Geld unterstützte Organisation, die die Kommunikation an die Verbraucher übernehmen soll. Neben sehr wichtigen und richtigen Ansätzen wie z.B. Bäuerinnen und Bauern auszubilden, um Öffentlichkeitsarbeit und direkte Kommunikation mit dem Verbraucher (z.B. bei der Grünen Woche) zu lernen, gehört für mich aber auch dazu, dass bei solchen Messen, wo auch viele wichtige Geldgeber anwesend sind, interessierte Verbraucher auch informiert und begleitet werden. Da war aber nichts. Pressearbeit allein reicht nicht. Die anwesenden Verbraucher müssen informiert werden, nicht nur das Fachpublikum! Das FML (Forum Moderne Landwirtschaft) ist sicher ein guter Ansatz. Ich habe aber den Eindruck, dass es wichtiger ist, dass die internen Strukturen passen, als dass es wirklich um das Ziel einer konsequenten Öffentlichkeitsarbeit geht. Als Geldgeber wäre ich mit dem, was aktuell passiert, nicht zufrieden. Aber ich bin eben Bauer – der, der in der Öffentlichkeit auch das meiste an Kritik abbekommt!
  • Der Veranstalter sollte sich, gemeinsam mit den Ausstellern, in meinen Augen auch dringend Gedanken machen, ob der derzeitige Ablauf noch richtig ist. Wäre es nicht sinnvoller, den Schluss oder den Anfang der Messe auf ein ganzes Wochenende zu legen, um noch viel mehr Verbrauchern die Chance des Messebesuchs zu ermöglichen? Ich weiß sehr wohl, dass für das Standpersonal 8 Tage Messe eigentlich unzumutbar sind und der letzte Tag (Samstag) für alle der Horror ist. Aber vielleicht müsste man das ganze anders organisieren. Dafür bin ich kein Spezialist, das können andere besser. Aber mal eine Überlegung wert wäre das doch, oder?

Auch mich fasziniert das jedes Mal wieder, was technisch möglich ist und was sich innerhalb von 2 Jahren wieder weiter entwickelt. Aber dieses Mal habe ich mich auch gefragt, ob mancher Hersteller wirklich noch einen Bezug zur gesamten Landwirtschaft hat und Ahnung von Boden, Bodendruck, Pflanzenphysiologie etc. hat!

  • Die Maschinen werden immer größer und schwerer. Da führt man Raupenlaufwerke ein, was ja grundsätzlich positiv zu werten wäre. Aber manche glauben tatsächlich, dass das ein Freifahrtschein ist, die Maschinengewichte immer weiter zu erhöhen. Wenn ein Standardschlepper mittlerweile eine Ausnahmegenehmigung braucht, um (ohne Anbaugerät!) auf die Straße zu dürfen, weil er die zulässige Achslast von 10 to überschreitet, bin ich echt ratlos!
  • Vor 15 Jahren habe ich einen 3m-Grubber gekauft und habe den mit 160 PS bis 25 Arbeitstiefe problemlos gezogen. Heute wiegt ein 4m-Grubber (mit Fahrwerk) dann locker mal 5-7 to und der Schlepper mit 250 PS kommt am Hang richtig an die Leistungsgrenze (Ihr könnt Euch jetzt die Farbdiskussion des Schleppers sparen, das geht allen so!) und kostet umgerechnet auf die Arbeitsbreite dann über das 4-fache! Wo ist da noch die Relation zu unseren Erzeugerpreisen? Allein dadurch heizt die Landtechnik-Industrie den Strukturwandel immer weiter an.
  • Wenn man dann über gut informierte Kreise erfährt, zu welchen Konditionen Großbetriebe Maschinen (vor allem Traktoren und Mähdrescher) zu kaufen oder mieten bekommen, nur weil sie eben nicht nur eine, sondern mehrere Maschinen auf einmal bekommen, dann weiß man, wer die Zeche zahlt: die kleinen Betriebe! Warum? Das hätte ich gerne mal erklärt bekommen! Da graben sich manche ihr eigenes Grab, weil dann durch den Strukturwandel auch wieder Stückzahlen verloren gehen. Haben wohl einige noch nicht kapiert.

So, genug gebruddelt (schwäbisch für gejammert). Liebe Landtechnik-Industrie: Wacht auf! Wir alle sind Kunden. Nicht bei allen habe ich mich so gefühlt!

Damit möchte ich aber nicht die, die sich, auch auf dieser Messe, sehr um uns bemüht haben, mit in die Pfanne hauen. Das weiß ich, das wissen wir als Familie und Betrieb sehr zu schätzen und beobachten das auch sehr genau und wohlwollend! Danke hierfür.

In diesem Sinne: morgen allen nochmal einen schönen Messetag und den Organisatoren vielleicht ein paar Anstöße für die Zukunft!

Eure Familie Reber

 

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