Bio gegen Konventionell? Ein Versuch der Annäherung!

Uns ist es schon lange ein Dorn im Auge, dass Bio gegen konventionelle Landwirtschaft wettert und umgekehrt. Wir sollten miteinander reden, nicht gegeneinander arbeiten. Darum hat Andreas Fendt, überzeugter Vegetarier und Landwirt mit Tierhaltung mich angefragt, ob wir beide Stellung nehmen wollen zum aktuellen „Fall Hermannsdorf“. Da konnte ich nicht nein sagen, wie Ihr im Text bei „Bauer Willi“ lesen könnt:

 

Inzwischen sind wir es gewohnt, daß Politmagazine von ARD/ZDF Tierhaltung anprangern. Gerupfte Hühner, Schlachtung tragender Rinder, totgeschlagene Ferkel, man stumpft ab, hakt es ab.

So wäre es auch mit der aktuellen Recherche passiert: Herrmannsdorfer. Wenn der nicht ein besonderer Betrieb wäre. Nach dem Verkauf seiner Herta-Wurstfabrik gründete Karl-Ludwig Schweisfurth einen Pionierbetrieb für ökologischen Landbau mit besonders tiergerechter Schweinehaltung.

Und jetzt haben sich die Tierrechtler der „SOKO Tierschutz“ ganz gezielt diesen Betrieb ausgesucht, wie üblich mit Hausfriedensbruch heimlich gefilmt und die Aufnahmen an ARD/Fakt weitergeleitet. Und weil ja Skandalbilder von einem Vorzeigebetrieb nicht alltäglich sind, machte der Fall rasch die Runde: Bild, Süddeutsche Zeitung u.a. berichteten. Grund genug hier zwei Bauern zu Wort kommen zu lassen, die unterschiedlicher nicht sein könnten:

Standpunkt Bio

Andreas Fendt, Bergbauer, „Bio-Rebell“, 8 ha, 2 Kühe, 15 Ziegen

Zunächst hat der Betrieb weder gegen Gesetze noch Biorichtlinien verstoßen. Also fragt man sich, was wollen die „Tierschützer“ dann? Eigentlich wollen sie eine Diktatur des Veganismus! Dass sie keine Tierschützer sondern Tierschader sind steht für mich fest. Durch Bio-Bashing reagieren die oft eh schon verunsicherten Verbraucher reflexartig mit „Bio ist doch eh alles Betrug!“ „Wieso so viel mehr zahlen, wenn es genauso schlimm ist?“ Was machen Sie? Sie kaufen wieder beim Discounter konventionelles Billigfleisch. Dass sie die Bilder zum Anlass nehmen, morgen vegan zu werden ist doch Utopie. Was passiert also: die 1-2% lächerlicher Anteil an Biofleisch werden weniger und noch mehr Tiere werden konventionell = schlechter gehalten, also Tieren geschadet, statt Tiere geschützt.

Soll man sich mit deren Forderung und dem Veganismus befassen? Ja, unbedingt! Man wird sehen, dass die Industrie sie längst als zahlungskräftige Zielgruppe entdeckt hat: Rügenwalder, Wiesenhof, u.a. bieten alle Veganes an. Dass konventioneller Pflanzenbau mit Artensterben und Insektiziden aber auch Tierleid verursacht, geben sie schon kleinlaut zu. Doch dass veganes Biogemüse auch tierischen Dünger braucht, lassen sie nicht gelten. Ihr Modell bioveganer Anbau hat nur einen Haken: es macht ihn keiner! Nur 1% der Veganer könnte sich von der Handvoll Höfe ernähren. Das sagt ja nicht aus, dass bioveganer Anbau nicht geht, und sicher ist da noch Forschungsbedarf angesagt, aber eine realistische, breit angewandte Alternative wird er in den nächsten Jahren kaum sein.

Als überzeugter Bio muss ich doch feststellen: aber Bio ist doch besser. Die Tiere haben Auslauf, mehr Platz, sind glücklich… oder doch nicht? Prof. Sundrum sagt dazu: Biotiere sind bei der Schlachtung nicht gesünder. Aber geht es nur darum? Geht es nicht um ein Anbausystem als Ganzes, ohne Pestizide, mit Artenvielfalt, regional, nachhaltig. Aber Sundrum hält auch „alle Ansätze Fleisch mit Labels zu versehen, um damit dem Verbraucher eine Differenzierung zu ermöglichen“, für gescheitert. Auch die „Initiative Tierwohl“ biete keine Lösungen“ Und da stimme ich zu. Wir brauchen eine umfassende Neubewertung der Nutztierhaltung, unter ethischen und ökologischen Aspekten, unabhängig von Bio oder Konventionell.

Was sind die Konsequenzen? Wer Bio-Schweine nur halten kann, wenn sie Antibiotika und Hormone bekommen müssen, mit und ohne Kastenstand sehr hohe Ferkelverluste haben und mit (oder wegen?) Auslauf und Stroheinstreu krank werden, dann…. kann ein ehrlicher Bio-Bauer eben gar keine Schweine halten! Es gibt KEINE Bioschweinehaltung. Und das macht Sinn, wenn man die globale Ethik dazu nimmt: Schweine sind Nahrungskonkurrenten des Menschen, sie brauchen die knappe globale Ackerfläche für ihr Futter und sind so im kalorischen Vergleich zu Menschennahrung deutlich ineffektiver.

Also doch alle vegan? Nein! Sicher mehr vegetarisch und dabei spielt die „eierlegende Wollmilchsau“ eine entscheidende Rolle, die wir längst haben: es ist die Zweinutzungskuh auf Dauergrünland unter Biobedingungen. Sie könnte Milch, Fleisch für viele bieten und zwar tiergerecht, umweltfreundlich, nachhaltig. Und dann wären wir wieder bei dem Bild, das wir nur noch von der Milchpackung kennen: die glückliche, behornte Kuh auf der Weide, wahlweise mit Alpen oder Deichen im Hintergrund. „Tierrechtler“ müssten dann nirgends einbrechen und würden auch nichts finden.

Standpunkt Konventionell

Michael Reber, Bauer, konventionelle Schweinemast (1200 Plätze), 140 ha Ackerbau, 20 ha Grünland, Biogas-Anlage http://innovativelandwirtschaft.de

„Bio ist nicht besser und gesünder als konventionell!“ Eine Super-Schlagzeile für uns „Konventionelle“. Könnte man meinen und kann man insbesondere in den Sozialen Medien jetzt häufig lesen. Mit Andreas Fendt liege ich bestimmt noch lange nicht auf einer Linie. Aber wir haben für uns einen kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden, wie wir miteinander klar kommen und wo wir einer Meinung sind. Darum möchte auch ich hier meinen Standpunkt darlegen:

Ich hatte Ende 2012 die Gelegenheit, gemeinsam mit meiner Frau, Gut Hermannsdorf zu besichtigen. Karl-Ludwig Schweisfurth und Dr. Günter Postler nahmen sich extra für uns beide über 3 Stunden Zeit! Es waren wahnsinnig inspirierende Stunden. Man hat insbesondere bei Herrn Schweisfurth gemerkt, dass es ihm eine Herzensangelegenheit war, uns das zu zeigen, insbesondere die von ihm gemeinsam mit Dr. Postler entwickelte symbiotische Weidehaltung. Und es hat mich als Konzept überzeugt, weil es eben alle Aspekte bis hin zur Schlachtung berücksichtigt.

Auf die Gefahr hin, von meinen „konventionellen“ Kollegen dafür gehasst zu werden: Ich nehme ihm seinen Lebenswandel ab! Gerade weil wir als Betrieb und ich auch persönlich uns seit rund 5 Jahren auch auf die Reise gemacht haben, den für uns passenden Weg zu finden. Und es ist wichtig, dass Leute wie er dann ihr Geld in die Erforschung von Alternativen stecken. Nur so kommen wir alle, egal ob Bio oder konventionell wirtschaftend, weiter! Er hätte es auch einfach verprassen oder sonst irgendwie anlegen können. Aber allein ihn als Mensch kennenlernen zu dürfen, einfach so auf Anfrage (!), das war schon beeindruckend.

Und nun bricht man dort ein, um scheinbar schlimme Zustände im Biobereich zu zeigen! Eine Sau bei der Geburt! Egal in welcher Haltung (oder freilaufend!) oder bei welchem Säugetier: es geht nicht ohne Blut und Nachgeburt. Dass die Sau hier zur Geburt fixiert war, finde ich als Konventioneller – mit Stand heute – vollkommen in Ordnung. Es bedarf eben noch der Forschung, wie dies irgendwann in naher Zukunft hoffentlich auch mal ohne Fixierung UND ohne höhere Ferkelverluste gehen kann. Und das macht Hermannsdorf auf eigene Rechnung, weil eben der Staat nach wie vor nichts Praktikables vorweisen kann. Wir Bauern (insbesondere wir konventionellen) werden aber schon heute in Dinge wie Ebermast oder Kupierverzicht von Schwänzen gedrängt, ohne dass dies in unseren Ställen sicher funktioniert bzw. der Verbraucher das dann auch sehen und essen will!

Aber wir als konventionelle Landwirte sollten unsere Schadenfreude komplett vergessen! Spätestens jetzt sollte uns tierhaltenden Landwirten jedweder Produktionsrichtung klar sein, worum es diesen „Tierrechtlern“ bzw. „Tierschützern“ wirklich geht: das Ende der Tierhaltung! Deshalb müssen wir in Zukunft zusammenstehen, zusammen für unsere Anliegen kämpfen! Auch wenn diese im Falle von Andreas und mir scheinbar so weit auseinander liegen, dass es auf den ersten Blick überhaupt nicht möglich scheint, das unter einen Hut zu bringen. Wir sind alle mit großer Leidenschaft Bauern, das eint uns und dafür wollen wir kämpfen, dass wir das bleiben können und dürfen.

Aber ich sehe auch, genauso wie die Tierärztin vergangene Woche hier bei Bauer Willi, dass wir den Bogen in vielen Bereichen, auch in der Zucht, überspannt haben. Auch wir kämpfen doch auch, wie Hermannsdorf im vergangenen Jahr, mit riesigen Würfen. Nur die absoluten Spitzenbetriebe bekommen das noch gemanagt. Da könnte man ja einwerfen, dass die anderen einfach zu schlecht sind. So einfach würde ich es mir aber nicht machen. Viele Bauern kommen damit nicht mehr klar. Und wenn man seine Tiere wirklich mal in Ruhe beobachtet, fällt einem das auch auf. Es gibt dafür auch messbare Indikatoren. Unsere Teilnahme an der Initiative Tierwohl mit 10% mehr Platz als gesetzlich gefordert und 24h täglich Zugang zu Raufutter ist schon ein großer, auch messbarer, Fortschritt. Aber es ist auch nur der Anfang auf einem langen Weg. So sieht das übrigens auch meine Frau.

Wir, meine Frau und ich, stellen unser tägliches Tun regelmäßig in Frage und diskutieren das auch mit Besuchergruppen auf dem Hof und mit nicht-landwirtschaftlichen Freunden. Dort den Verbrauchern die wirtschaftlichen Sorgen und Nöte klar zu machen und die Konsequenzen des täglichen Einkaufs zu verdeutlichen, gibt immer einen „Hallo“-Effekt. Trotzdem wollen wir nicht mit dem Finger auf den Verbraucher zeigen und ihm sagen, dass er schuld an allem ist. Wenn wir aufmerksam zuhören und sachlich miteinander diskutieren, nehmen auch wir als Landwirte sehr viel mit, gerade um unsere Höfe für die Zukunft fit zu machen, weil wir dann auch mit Entscheidungen reagieren können, wenn wir wissen, was unser Kunde, der Verbraucher wirklich will. Und das ist, zumindest bei heutigem Stand, nicht immer Bio.

3 Kommentare, sei der nächste!

  1. Bio oder Konventionell, Regional oder Vegan, Fleischreich, fleischarm, Geflügel, Schwein oder Rind , Hofladen oder Discounter oder gar Export .. und, und, und, ….. ?

    Alles ist eine positive Art, den differenzierten Markt zu nutzen, um diejenigen Kunden zu finden, denen mein Produkt am besten schmeckt. Insofern brauchen wir eigentlich keinen neuen Dialog Bio oder Konventionell, sondern die Einsicht, dass Berufskollegen unterwegs sind, mit ihrem Können Produkte zu erzeugen, die sie auf irgendeinem Teil des Marktes möglichst teuer verkaufen können.

    Was unerträglich ist: Wenn eine kleine Gruppe meint, sie müsse Regeln definieren, nach denen die andern zu tanzen haben. Dies gilt insbesondere für die Führungsspitze des BÖLW und für einen Protagonisten in Hohenlohe, der seine offensichtlich erfreulicherweise gewinnbringende Vermarktung dadurch protegiert, indem er den Generalangriff auf diejenigen fährt, die mit ebenso guter Absicht halt andere Märkte bedienen (deren Produkte dazu noch von ca. 95 % der Bevölkerung und sogar vom Ausland für so gut befunden werden, dass dafür Geld ausgegeben wird)

    Natürlich ist es wohl medienträchtiger, als sogenannte „Agraropposition“ gegen die große Mehrheit der normalen Verbraucher und Produzenten anzukämpfen als tagtäglich gute Arbeit zu machen und diese auch noch – obwohl sie ja so normal ist – gut darzustellen.

    Insofern: Wir brauchen weniger den Dialog, als das Verständnis, dass es dem andern wehtut, wenn man auf seine Kosten billige Reklame macht. Ich hab noch keinen konventionellen kennengelernt, der dem Ökolandwirt Produktionsmaßnahmen verbieten möchte. Von der anderen Seite kommen aber immer die Angriffe: generelles Verbot der Gentechnik im Futter, Bestandsobergrenzen, Verbot von Pflanzenschutzmitteln generell usw. und so fort.

    Michael, du meinst es sicher gut und es ehrt Dich sehr. Mit der großen Masse der Ökobauern kommen wir auch alle klar, alle sind Bauern. Schwierig sind die Leitfiguren, die Allgemeingültigkeit für ihre Positionen beanspruchen. Mir erschließt sich dabei manchmal nicht, warum die das nötig haben ….

  2. Kommunikation ist, wenn man’s trotzdem macht…

    Insofern gut, dass du hier Stellung bezogen hast. Ist mir lieber, als wenn nur der Text von Andreas Fendt veröffentlicht worden wäre.
    Ich hab selber viel mit Biokollegen im Obstbereich zu tun. Das funktioniert einwandfrei auf der sachlichen, fachlichen und persönlichen Ebene. Wir diskutieren halt über Schädlinge, Sorten, Märkte, Preise, Kosten, Logistik etc.
    Grundsatzdebatten über globale Ethik lassen wir vor vier Uhr morgens wohlweislich sein.
    Jeder nach seiner Facon.
    Und jeder nach den für ihn geltenden Vorschriften.
    Und jedem sein bissle Dreck lassen, damit er selber vor der eigenen Haustür kehren kann.

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