Alles Hokus Pokus, oder was?!

Am Morgen nach dem Brand in unserer Küche bekamen wir eine Email, in der uns mitgeteilt wurde, dass wir für den CeresAward 2016 im Bereich Ackerbau nominiert worden sind. Aufgrund des ganzen Chaos´ging das alles irgendwie unter bzw. kam viel zu kurz. Die Jury kam 2 Tage nach dem Schaden am Tragluftdach der Biogasanlage, um sich ein Bild von unserem Betrieb zu machen. Ich hoffe, wir konnten zeigen, was uns anders macht!

Es ist für uns, für mich, eine wahnsinnige Ehre, hier dabei sein zu dürfen! Die 3 interessantesten Konzepte werden dann im Oktober nach Berlin eingeladen, und erst dort erfahren wir, wer von uns dreien gewonnen hat. Ich selbst sehe es olympisch: dabei sein ist alles. Gewinnen wäre aber der Hammer, gerade nach diesem hoffentlich aussergewöhnlichen Jahr.

Was macht unsere Art des Ackerbaus so interessant für eine Nominierung? Um es vorweg zu nehmen: ich bin einer von einer stark steigenden Anzahl von Landwirten, die so wirtschaften wollen, und sicher nicht derjenige, der da schon am weitesten ist.

Merkmale unseres Ackerbausystems:

  1. Unsere Düngung, insbesondere die der Grundnährstoffe, haben wir vom allgemein gültigen System auf das System von Neal Kinsey umgestellt. Das ganze System hier zu erklären, würde den Rahmen des Blogs sprengen. Auch ich lerne immer noch dazu. Grundsätzlich geht es darum, die Wechselwirkung der einzelnen Elemente im Boden noch besser zu berücksichtigen. Darum ist es wichtig, zuerst den Boden zu untersuchen (was jeder andere Landwirt auch macht bzw. machen muss). Beim Kinsey-System ist es aber so, dass die Proben direkt zum Labor in die USA geschickt werden. Leider hat man es bis heute nicht geschafft, in Europa etwas aufzubauen. Das einigermaßen vergleichbare System hat Unterfrauner in Wien aufgebaut. Allerdings sind hier die Bodenproben wesentlich teurer in der Untersuchung und die Düngeempfehlungen leider nicht konkret bzw. nur auf eine Firma angepasst, die den Dünger dann verkauft. Das stört mich daran, weil ich unabhängiger sein will in meinen Entscheidungen, wo ich welchen Dünger kaufe. Das Düngesystem, die Bodenchemie, ist also der erste wichtige Baustein, der uns von dem großen Rest der Landwirte unterscheidet.
  2. Als zweites kommt dann die Bodenphysik – die Statik des Bodens. Ziel ist hier bei uns schon seit über 30 Jahren flach wenden – tief lockern. Bis vor einem Jahr haben wir das im Rahmen der konservierenden Bodenbearbeitung gemacht. Damit bezeichnet man die Bodenbearbeitung ohne Pflug, nur mit mischenden Werkzeugen wie vor allem mit dem Grubber. Großer Vorteil dieses Verfahrens ist das Belassen der organischen Substanz (Stroh und Erntereste) auf der Bodenoberfläche als Erosionsschutz und Futter für die Regenwürmer, welche dann auch mit ihren Gängen für eine natürliche Drainage und Infiltration von Regenwasser in den Boden sorgen. So bearbeitete Böden nehmen ein Vielfaches an Starkregen auf, bevor der Boden erodiert, als gepflügte Flächen – daher der Begriff konservierend. Durch die weniger intensive Bearbeitung wie mit dem Pflug wird auch weniger organische Substanz abgebaut und somit Humus aufgebaut. Auch dadurch sind die so bewirtschafteten Böden ertragsstabiler und weniger erosionsgefährdet als gepflügte Flächen. Nachteil der so gemachten konservierenden Bodenbearbeitung ist die Abhängigkeit des Systems von der Anwendung von nicht-selektiven Herbiziden, mittlerweile überall bekannt unter den Wirkstoffnamen Glyphosat oder Glufosinat. Da wir uns für die Zukunft die Optionen im Ackerbau offen halten wollen, eventuell auch auf Herbizide verzichten zu können (in der Endstufe vielleicht auch irgendwann einmal biologischer Landbau), wollte ich mein Wissen weiter entwickeln und habe ich mich zu einem Bodenkurs angemeldet, den ein gelernter Gärtner (Dietmar Näser) und ein Demeter-Landwirt ohne Tierhaltung, der pfluglos wirtschaftet (Friedrich Wenz), zusammen veranstalten. Das war für mich als konventioneller Landwirt ein gigantischer Input an neuem und altem Wissen, welches auch ich mit Anfang 40 schon wieder ausgeblendet hatte! Dieser Kurs betrachtet das System Boden als Ganzes: Chemie (Kinsey) – Physik (extrem flach wenden, nur partiell lockern) – Biologie (dauergrüner Anbau) – Pflanzenvitalisierung über Spritzungen. Wir Landwirte, insbesondere im konventionellen Bereich, reduzieren zum Beispiel Düngung gerne auf Stickstoff (N), Phosphor (P), Kali (K) und Kalk. Es ist eben noch viel viel mehr!
  3. Dritter Baustein wie schon gerade angesprochen ist die Bodenbiologie. Das ist das, was sich bei uns nun grundlegend ändern soll: Es sollen auf dem Boden immer grüne Pflanzen stehen, um immer lebende Wurzeln im Boden zu haben, die den Bodenstoffwechsel am Leben halten. Hier sind wir noch ganz am Anfang und zahlen im Moment auch noch Lehrgeld, da ich hier nur sehr vorsichtig angefangen habe. Die dauerhafte Begrünung soll durch sogenannte Untersaaten erfolgen, die die Hauptkultur in ihrem Wachstum nicht bzw. nur unwesentlich beeinträchtigt. Das sind insbesondere langsam wachsende Rasengräser. Vorteil ist, dass ich direkt nach der Ernte, wenn diese Untersaaten dann Licht bekommen, wieder eine wachsende Kultur und damit Leben auf und unter der Bodenoberfläche habe, die die Zeit bis zur Aussaat der nächsten Kultur überbrückt (Grüne Brücke), ohne dass ich eine Bodenbearbeitung machen muss. Diese Untersaaten werden dann vor der Aussaat der nächsten Hauptkultur flach abgeschält, entweder mit einer Fräse oder einem Schälpflug in einer Tiefe von maximal 8 cm. Wir haben uns für den Schälpflug entschieden, weil er uns gegenüber der Fräse einen Arbeitsgang einspart und wir damit flexibler sind. Soweit die Theorie. Nun muss das Ganze sich aber auch in die für den eigenen Betrieb optimale Fruchtfolge einfügen. Mit Untersaaten im Mais, die theoretisch perfekt wären, sind wir aber schon das zweite Mal auf die Schnauze gefallen. Letztes Jahr war es zu trocken, so dass die Untersaat gar nicht aufgegangen ist. Dieses Jahr haben wir die Untersaat mit der Maisaussaat gesät. Durch den Starkregen am 29. Mai wurde das kleine Gras aber nahezu komplett abgeschwemmt und konnte bzw. kann die theoretische Erosionsminderung gar nicht entwickeln. Das ist dann die Praxis in 2 Extremjahren. Trotzdem werden wir es weiter probieren, zumal wir im Getreide schon erste sehr positive Erfahrungen damit gemacht haben. Wie auf dem Beitragsbild zu sehen, haben wir seit letztem Jahr im Roggen und in der Triticale, die wir für speziell für die Biogasanlage anbauen, schon Gräser mit ausgesät. Dies zwingt uns, auf Herbizide schon mal zu verzichten, was komischerweise auch sehr gut funktioniert. Allerdings setzen wir hier Futtergräser ein, die schnellwachsend sind, da wir dadurch nach der Ernte des Getreides Ende Juni noch die Möglichkeit haben, ohne weitere Bodenbearbeitung noch 1-2 Schnitte Gras zu ernten! Im letzten Trockenjahr waren die Zusatzerträge bescheiden, in diesem, sehr feuchten Jahr dagegen ein fantastischer zusätzlicher Ertrag! Und die Gräser haben gegenüber dem Getreide ein wesentlich größere Wurzeloberfläche, weil sie sehr viel mehr Feinwurzeln haben. Das sorgt für eine intensive Durchwurzelung der Bodenkrume, speichert Nährstoffe und baut an diesen vielen Feinwurzeln durch intensive Interaktion zwischen Pflanze und Bodenleben auch sehr schnell Humus auf.
  4. Ein neues Merkmal sind Blattsafttests, anhand derer wir früh feststellen können, ob die Pflanze Stress hat und dann vielleicht deshalb krank wird. Durch vitalisierende Spritzigen und/oder Spritzungen mit Mikronährstoffen kann man dann den Stoffwechsel der Pflanzen wieder anschieben und sie so fit machen, bevor man dann zu einem Fungizid greifen muss. Diese Maßnahmen kosten auch deutlich weniger als ein Fungizid. Wir Landwirte müssen uns wieder mehr mit so etwas beschäftigen. Es hilft uns auch dabei, wirtschaftlich stabile Erträge zu erzielen. Es ist eben etwas mehr zeitlicher Aufwand für eine Diagnose, dafür spare ich mir die Therapie vielleicht sogar ganz! Und mit diesen Tests kann ich dann die Wirkung der vitalisierenden Spritzungen, die sich im ersten Moment vielleicht als Hokuspokus darstellen, nachmessen! Und das ist dann auch für mich als Ur-Konventioneller wichtig, um es auch an Berufskollegen weiter empfehlen zu können.
  5. Ganz neuer und  sehr wichtiger Baustein ist dann die Vitalisierung der Pflanzen. Wir setzen hier an verschiedenen Stellen an: Wichtiger Baustein ist die Behandlung unseres Wirtschaftsdüngers, dem sogenannten Gärprodukt, also dem, was nach der Vergärung in der Biogasanlage übrig bleibt, mit Milchsäurebakterien und Huminsäuren, um das Produkt aus dem anaeroben Gärprozess wieder in einen aeroben Prozess zu überführen und es auch bodenverträglicher zu machen, indem wir bei der Ausbringung auch gleich wieder Mikrobiologie in den Boden mit einbringen. Hier sind wir auch noch in der Probierphase, weil das ganze nicht ganz günstig ist, um uns heran zu testen, wie weit wir mit den Aufwandmengen zurück gehen können, um immer noch genug Wirkung zu haben. Seit diesem Frühjahr nun setzen wir etwas ganz neues ein – den Komposttee oder Kompostauszug. Die Anwendung dessen hat maßgeblich Frau Dr. Ingrid Hörner in Deutschland voran gebracht. Ihr Wissen wird nun im Bodenkurs an uns Landwirte weiter gereicht. Die ersten Ergebnisse sind für mich überraschend! Trotz der hohen und vielen Niederschläge sind wir im Weizen ohne Fungizide ausgekommen. Lediglich in der Blüte habe ich aus Sicherheitsgründen noch ein Fungizid gespritzt. Aber gegenüber der Testparzelle, die komplett ohne Fungizide auskam, hatte ich keinen Mehrertrag. Nun warte ich noch auf das Ergebnis der Untersuchung auf Pilzgifte im Erntegut. Wenn diese auch keinen Unterschied ergibt, wäre das schon eine kleine Revolution.

Diese 5 verschiedenen Merkmale haben wohl dazu geführt, dass man mich bzw. unseren Betrieb (schließlich gehört hier die ganze Familie und die Mitarbeiter dazu!) für den CeresAward 2016 nominiert hat. Mir wäre es lieber gewesen, wenn ich noch 1-2 Jahre Zeit gehabt hätte, um mehr Ergebnisse liefern zu können. Aber in 2 komplett verschiedenen Jahren konnten wir mit obigen Maßnahmen vergleichbare bis bessere Erträge erzielen wie die Berufskollegen. Mittelfristig wird sich das dann auch finanziell auswirken, wenn wir auf z.B. auf Fungizide verzichten können. Im Moment setzen wir im Bereich der Kinsey-Düngung etwas mehr Aufwand, bis wir die Böden „aufgefüttert“ haben, sparen dafür aber schon im Fungizidbereich ein, so dass sich das neue System schon mal nicht verteuert gegenüber dem „normalen“.

Auf jeden Fall freuen wir uns auf 3 Tage in Berlin und ein tolles Fest mit innovativen Landwirtinnen und Landwirten aus ganz Deutschland und Österreich!

Wir sind gespannt auf Eure Rückmeldungen. Eure Familie Reber

 

6 Kommentare, sei der nächste!

  1. Lieber Michael, ich bin schwer beeindruckt! Wir kennen uns nun schon einige Zeit, aber mit deinem Tun auf dem Acker habe ich mich noch nicht sehr intensiv auseinandergesetzt. Ich ziehe meinen Hut davor, wie mutig du neue und vor allem durchdachte Schritte gehst. Du lebst bereits ein Umdenken, das ein Großteil unseres Berufsstandes noch nicht mal kommen sieht.
    Ich habe ein paar kleine Maßnahmen auch bei uns umgesetzt und möchte deinem Beispiel gern noch mehr folgen. Weiter so! Lieben Gruß, André

  2. Grüß dich Michael
    Ich hätte Dir und deiner Familie ja Erholung gegönnt. Stattdessen verfast Du hochkarätige Artikel die allen Respekt verdienen.
    Du gehst neue Wege mit großen Schritten und sehr viel Mut, vor allem wenn man bedenkt welche Rückschläge Du schon einstecken musstest.
    Ob die „neuen Wege“ so neu sind kann man hinterfragen. Vielleicht ist es auch nur altes Wissen, das wir Landwirte vergessen oder verdrängt haben, weil wir glaubten ,das Technik alles lösen kann . Unsere Lehrlinge wissen um die Vorteile eines 1050 Vario´s( Einen Schlepper den die wenigsten von ihnen jemals fahren werden). Den Umgang mit einem Spaten und die Rückschlüsse auf den Boden kennen sie nicht.
    Leider kommt es mir so vor, als wären Landwirte wie Du und ich vielleicht auch ein wenig, und diejenigen, die sich mit grundsätzlich anderen Ansätzen beschäftigen irgendwelche Spinner. Vielleicht so wie die ersten Biobauern in den 80ern. Hier aber gilt:
    „Wer seinen Weg kennt, braucht nicht der Karawane zu folgen.“

    Halte uns auf dem laufenden und alles gute für den Ceres-Award.
    Grüße aus Bayern Eduard

    1. Lieber Eduard,
      vielen Dank für Deine Rückmeldung. Es ist wirklich so: vieles ist nicht wirklich neu, außer die Blattsafttests. Die vitalisierenden Spritzungen kennt man schon aus dem Demeter-Bereich, und mit etwas Wissen und eben diesen Blattsafttests kann man auch hier dem Ganzen den esoterischen Touch nehmen und die Wirkung wirklich messen! Komposttee ist, so mein erster Eindruck, der Turbo in der Humusbildung. Und er kostet minimalsten Aufwand außer die Ausbringkosten!
      Wie Du schon schreibst: Ich bin keiner, der ausgetretene Pfade gehen will. Wichtig für mich war, dass die Neuerungen den Betriebserfolg nicht gefährden. Darum auch zum Beispiel immer noch die Ährenbehandlung im Weizen mit Fungizid. Wahrscheinlich wäre es auch ohne gegangen. Aber hier stehen halt doch einige 10T€ auf dem Spiel, die ich nicht als Rücklage habe. Wir gehen den Weg aus der Sicherheit heraus, ohne Not und Druck, auf Bio umstellen zu müssen. Wichtig ist eben bei der Nachhaltigkeit auch der wirtschaftliche Aspekt, nicht nur die Biologie.
      Natürlich halte ich Dich bzw. Euch hier auf dem laufenden!
      Übrigens: der Urlaub ging nur bis Freitag 😉

      Liebe Grüße aus Hohenlohe
      Michael

  3. Hallo Michael,
    ich bin gerade beim stöbern auf deine Seite gestoßen 🙂 Glückwunsch zur Nominierung 🙂
    Ich bin heuer auch beim BiG in Bayern dabei und kann das von dir geschriebene nur bestätigen, das größte Potential für einen guten und nachhaltigen Betriebserfolg liegt unter unseren Füßen! Und das Wissen dazu ist da und für jeden Verständlich, bei der Umsetzung bin ich wohl auch noch etwas zu skeptisch aber das wird noch.
    Vielleicht können wir uns ja mal austauschen.

    Grüße aus Oberbayern

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